Dramatische Bevölkerungsentwicklung

Dieses Jahr hatten wir das besondere Vergnügen, Professor Herwig Birg in Kirchheim begrüßen zu dürfen, wo er über den Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa sprach. Herr Birg ist Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der Uni Bielefeld und u. a. Autor des Buches "Die demographische Zeitenwende" (Verlag C.H. Beck, München, 2001).

In diesem Buch versucht er, allgemeine Ursachen für den extremen Bevölkerungsrückgang in einigen Industrienationen darzustellen und zu erklären. Betroffen sind insbesondere Deutschland, Italien, Spanien und Japan mit Geburtenraten weit unter dem Gleichgewichtswert von 2,1 Kindern pro Frau.

In seinem Vortrag konzentrierte sich Herr Birg darauf, die Folgen, also den Rückgang anhand seiner Graphiken zu zeigen. Explizit sinkt demnach die Bevölkerung Deutschlands von derzeit 82 Mill. auf 24,3 Mill. im Jahre 2100 bei konstanter Geburtenzahl von 1,25 pro Frau. Bei steigender Geburtenzahl auf 1,5 und einem Wanderungsüberschuss von 250.000 jährlich (in den letzten Jahrzehnten ca. 170.000) würden in Deutschland noch zwischen 50 und 60 Mill. Menschen in 2100 wohnen. Der genaue Anzahl der Einwohner Deutschlands in 2100 hängt dabei explizit vom Zeitpunkt des Anstieges der Geburtenzahl ab.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist der sogenannte Altenquotient (= Zahl der 60jährigen und Älteren auf Zahl der Personen im Alter von 20 bis 60). Dieser wird sich wahrscheinlich bis zum Jahre 2050 verdoppeln bis verdreifachen.

Das deutsche soziale Sicherungssystem ist dagegen auf einer jungen Altersstruktur, das heißt auf einem niedrigen Altenquotient aufgebaut. Entsprechend werden gewaltige Probleme auf unsere Versicherungssysteme zukommen.

Ein spezifischer Tatbestand sei hier erwähnt: Die Generation der Kinder finanziert die Generation ihrer Eltern durch ihre Beitragszahlungen. Diese Kinder haben aber vorher "gekostet" (diese Kosten gehen über Windeln, Essen, Bett und Urlaub hinaus: Eingerechnet wird auch der entgangene Verdienst eines nicht arbeitenden Elternteils). Letztendlich finanzieren Eltern also nicht nur ihren eigenen Altersunterhalt, sondern auch den der kinderlosen Gleichaltrigen.

[Image birg.jpg, 309x222, 10164byte]

Folglich entschied das Verfassungsgericht im letzten Jahr, dass die Pflegeversicherung wegen eines "systemspezifischen Vorteils" der Kinderlosigkeit in Teilen verfassungswidrig ist. Bei der Rentenversicherung ist dasselbe zu vermuten.

Methodik: Mit geschätzer Sterbe-, Geburten- und Migrationsrate und gegebener Altersstruktur werden die Änderungen sukzessive und spezifisch für jeden Jahrgang hochgerechnet. Aufgrund der Trägheit der Altersstruktur schlagen Schätzfehler in den Raten wenig ins Gewicht. Die Abweichung der wirklichen Entwicklung in 50 Jahren von der Vorhergesagten liegt bei wenigen Prozent.

Weitere Informationen im Internet unter: http://www.ibs.uni-bielefeld.de

Eine Studie der UN zur Frage, ob Einwanderung den Bevölkerungsrückgang von acht Ländern mit niedrigen Geburtenraten kompensieren kann findet man unter
http://www.un.org/esa/population/publications/migration/migration.htm . Dabei wird differenziert zwischen einer Stagnation der Bevölkerungszahlen und einer Stagnation des Altersquotienten (siehe Abbildung; Quelle: http://www.un.org/esa/population/publications/migration/germany.pdf).

Felix Creutzig

Zuletzt geändert: 2002-09-27 13:40:31 (perl) | Kontakt
http://www.schuelerakademie.de/cde/expuls/19/15.html